„On the Brink – Niemandsland“ am 5. November 2017 um 19 Uhr

Aktuell
On the Brink – Niemandsland

Mit neu vertonten Gedichten von Paul Celan, Rose Ausländer, Debora Vogel, Iryna Vikyrchak und Olesya Zdorovetska wird ein Bogen geschlagen von der vernichteten deutsch-jüdischen Vergangenheit heute ukrainischer Regionen mitten ins aktuelle Kulturgeschehen des Landes.

Sopran: Olesya Zdorovetska, Klavier: Paola Prokopenko

Komposition: Christian Diemer, Peter Helmut Lang, Nick Roth, Olesya Zdorovetska

Moderation: Christian Diemer

Veranstalter:
Ein Projekt von Lælaps, Plattform für transkulturellen und transdisziplinären Austausch. Gefördert durch Deutschen Komponistenverband, Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, Goethe-Institut Krakau und Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

Eintritt: 6 / 4,- EUR

Das Projekt ON THE BRINK | NIEMANDSLAND hat sich zum Ziel gesetzt, einen Bogen zu schlagen von der vernichteten deutsch-polnisch-jüdischen Vergangenheit Czernowitz’, Lemberg / Lwóws und weiterer Gedächtnisorte in der Region mitten ins aktuelle Kulturgeschehen der heutigen Ukraine. Das Projekt versteht sich als Pilotveranstaltung für einen künstlerischen Austausch- und Kollaborationsprozess zwischen der Ukraine, Polen und Deutschland, der die interkulturelle Wahrnehmung der beteiligten Länder nachhaltig bereichern möchte – vor allem auf der Ebene innovativer musikalischer Gemeinschaftsproduktionen.

Die gesteigerte Aufmerksamkeit, die der Ukraine aufgrund des aktuellen Kriegs- und Krisengeschehens in Westeuropa zuteil wird, hat nichts daran geändert, dass viele Menschen mit Städten wie Czernowitz oder Lwów buchstäblich nichts verbinden. Selbst die kulturgeschichtlich informierte Beschäftigung mit den einst österreichischen bzw. polnischen Regionen Bukowina und Galizien erreicht selten mehr als ein akademisches Fachpublikum mit Ostmitteleuropa-Bezug, dessen Interesse zumeist mehr der nostalgischen Fetischisierung ihrer multiethnischen Vergangenheit gilt. Und über der geopolitischen Dimension des Ukraine-Konflikts bleibt unbeachtet, dass zur gleichen Zeit ukrainische Künstler und Intellektuelle zu den Vorgängen in ihrem Land Stellung nehmen und ästhetisch Position beziehen.
Umso wichtiger erscheint eine Wiederbelebung transkultureller Austauschprozesse, welche nicht reiner Sentimentalität und genius loci-Kult frönt, sondern im Zusammenbringen und Austauschen des Differenten und Gemeinsamen, des Schon-Vergessenen und Noch-nie-Gedachten genuin Neues entstehen lässt. Dazu möchte das Projektformat ON THE BRINK beitragen.

Einige der bis heute bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts stammen aus Städten, die heute zur Westukraine gehören. Aus dem westeuropäischen Nachkriegsexil arbeiteten Paul Celan und Rose Ausländer sich an dem Menschheitsverbrechen des Holocaust ab, dem Dichterkollegen wie die 18jährige Selma Meerbaum-Eisinger u. v. m. zum Opfer fielen. Ihr Ringen um eine ästhetische Repräsentanz des Unsagbaren und unwiederbringlich Zerstörten, verkörpert im Heimatverlust der einst vielsprachigen, heilen Stadt Czernowitz, hat eine Avantgarde mitgeschaffen, die bis heute zeitgenössische Künstler zur kreativen Auseinandersetzung anregt.
Die polnische Schriftstellerin und Philosophin Debora Vogel schrieb im Lemberg / Lwów der Zwischenkriegsjahre auf jiddisch und polnisch und partizipierte an den europäischen ästhetischen Strömungen und intellektuellen Diskursen ihrer Zeit – bevor sie durch ihre Ermordung im jüdischen Ghetto bis vor Kurzem weitgehendem Vergessen anheimgefallen war.

Die Verbindung dieser Künstlerpersönlichkeiten zur heutigen Ukraine wird zumeist ausgeblendet – sofern sie nicht, wie Debora Vogel, ganz durch die Raster der Erinnerungskanones fallen. Auch in der Ukraine selbst hat ein Prozess der Rückbesinnung jenseits sowjetischer kulturpolitischer Vereinnahmung erst begonnen – nicht zuletzt, um verlorene Teilhabe an Europa zurückzugewinnen. Diese frischen Tendenzen haben in den letzten beiden Dekaden zu einer beeindruckenden literarischen Produktivität und Innovationskraft geführt, die mit Macht in die europäische Öffentlichkeit drängt.